#2 Kassenärztliche Versorgung unter Druck: Was muss sich ändern?
Shownotes
Die kassenärztliche Versorgung steht zunehmend unter Druck: Während Bevölkerung und Versorgungsbedarf steigen, entwickelt sich die Zahl der Kassenärztinnen und Kassenärzte kaum weiter. Was bedeutet das für Ärztinnen und Ärzte – und für die Versorgung der Patientinnen und Patienten? In der zweiten Folge von „Die Systemdiagnose“ sprechen Dr. Artur Wechselberger und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte Dr. Edgar Wutscher über die aktuelle Situation im kassenärztlichen Bereich. Dabei geht es unter anderem um die Attraktivität von Kassenstellen, die zunehmende Bedeutung von Wahlärztinnen und Wahlärzten, Limitierungen und Degressionen im Kassensystem sowie die Frage, welche Rolle zusätzliche Kassenstellen, ein neuer einheitlicher Leistungskatalog und Primärversorgungseinheiten für die zukünftige Versorgung spielen können.
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00:00:08: INTRO Sie hören „Die Systemdiagnose“, den Podcast der Bundeskurie niedergelassene Ärzte. Die österreichische Gesundheitspolitik auf den Punkt gebracht. Heute mit Artur Wechselberger und Edgar Wutscher.
00:00:27: ARTUR WECHSELBERGER Einen schönen Nachmittag, geschätzte Damen und Herren! Insbesondere natürlich freut uns, wenn auch unsere Kolleginnen und Kollegen unseren Podcast anhören. Wir haben wieder unseren Bundeskurienobmann Dr. Edgar Wutscher als Gast und, ich glaube, ein ganz spannendes Thema. Ein Thema, das unter die Haut geht – nicht nur den Ärztinnen und Ärzten, sondern der gesamten Bevölkerung. Das ist die kassenärztliche Versorgungsmisere.
00:01:03: ARTUR WECHSELBERGER Ich denke, so kann man das durchaus auf den Punkt bringen, die derzeit in Österreich die Behandlungen verzögert und in die Länge zieht. Grüß Gott, Herr Doktor Wutscher. EDGAR WUTSCHER Ein herzliches Grüß Gott auch meinerseits und danke für das Interesse, dass Sie teilnehmen. ARTUR WECHSELBERGER Ja, dann starten wir in medias res der Thematik. Bei vielen Kassenärztinnen und Kassenärzten und solchen, die es potenziell werden könnten, hat man das Gefühl: Sie sind frustriert über eine Zukunftsperspektive, in der sie das, was sie gelernt haben, das, was sie gerne tun, das, was die Bevölkerung braucht, nämlich sich den Patientinnen und Patienten zu widmen, nicht machen können.
00:01:57: EDGAR WUTSCHER Leider täuscht dieser Eindruck in keiner Weise. Ja, es ist richtig, dass auch zum Teil sogar arrivierte und langgediente Kassenärztinnen und Kassenärzte sich einfach überfordert fühlen, dass sie auch dem ganzen Bürokratiewahn nicht mehr Folge leisten wollen und dass man doch auch auf politischer Seite eine fehlende Wertschätzung immer wieder feststellen muss. ARTUR WECHSELBERGER Fehlende Wertschätzung. Ich glaube, das ist ein gutes Stichwort, denn ich habe das Gefühl, das betrifft ja nicht nur die Vertragsärztinnen und Vertragsärzte.
00:02:37: ARTUR WECHSELBERGER Das betrifft ja im selben Ausmaß, vielleicht sogar mehr, die Patientinnen und Patienten. Wenn wir uns die Entwicklung der Bevölkerung und der Versorgung gegenüberstellen, dann fällt auf, dass zum Beispiel seit dem Jahr 2000 die Bevölkerung um 15 % zugenommen hat. Es fällt auf, dass die Bevölkerung mit über 60 Jahren um 35 % zugenommen hat. Und es fällt auf, dass die Zahl der Kassenärzte nur um 0,4 % zugenommen hat, also stagniert.
00:03:21: ARTUR WECHSELBERGER Das heißt, die gleiche Anzahl an Vertragsärztinnen und Vertragsärzten muss heute eine wesentlich größere Anzahl von Patientinnen und Patienten betreuen. EDGAR WUTSCHER Genauso sehe ich das auch. Und darin finde ich ein Hauptproblem, dass eben die Bevölkerungszahl deutlich gestiegen ist und dass Kassenärztinnen und Kassenärzte praktisch in der Menge gleich geblieben sind und dass oft eine sogenannte Drei-Minuten-Medizin uns vorgeworfen wird.
00:03:56: EDGAR WUTSCHER Wir müssen ja die Patienten versorgen, und das ist zum Teil nicht mehr zu schaffen und bewirkt natürlich dann sehr viel Frust. ARTUR WECHSELBERGER Und als Tüpfelchen auf dem i könnte man doch noch die Tatsache interpretieren, dass all die Ärztinnen und Ärzte, die mehr leisten, die diesen Mehranfall an Patientinnen und Patienten betreuen, dafür auch noch bestraft werden. EDGAR WUTSCHER Ganz richtig. Mit den Degressionen und Limitierungen, die im Kassenvertrag sehr, sehr relevant drin sind, ist das nicht mehr zu schaffen.
00:04:36: EDGAR WUTSCHER Und gerade da sehe ich einen großen Hoffnungsschimmer und zumindest ein Licht am Ende des Tunnels, dass wir mit dem neuen, einheitlichen Leistungskatalog, den wir derzeit erarbeiten, praktisch alle Limitierungen und Degressionen weg haben. Warum sollte eine Ärztin oder ein Arzt bestraft werden, weil er sich für die Patienten einsetzt, weil er so viel Arbeit leistet? ARTUR WECHSELBERGER Dass die Niederlassung als Ärztin und als Arzt nach wie vor attraktiv wäre und von vielen jungen Kolleginnen und Kollegen auch angestrebt wird, zeigt ja allein die Zunahme von 148 % an der Zahl an Wahlärzten seit dem Jahr 2000.
00:05:29: EDGAR WUTSCHER Gott sei Dank nimmt wenigstens diese Zahl zu, weil wir müssen feststellen: Die Wahlärztinnen und Wahlärzte sind heute versorgungsrelevant, und das kann man deuten, wie man will. Wenn wir die Wahlärzte nicht hätten, würde das Gesundheitssystem sehr, sehr kranken. Und unser Bestreben muss einfach sein, dass die Kassenstellen wieder so attraktiv werden, dass Wahlärzte sagen: Jetzt wird es auch wieder für mich interessant, dass ich mich in diesem Bereich einbringe.
00:06:07: ARTUR WECHSELBERGER Wir haben mehr Wahlärzte als Kassenärzte, und trotzdem machen die Honorare, die die Sozialversicherung den Versicherten rückerstattet, für Wahlarzthilfe nur etwa 3 % der Gesamtausgaben für ärztliche Hilfe aus. Also ein gutes Geschäft für die Kasse. EDGAR WUTSCHER Ohne Zweifel sind die Wahlärzte ein sehr gutes Geschäft für die Kasse. Die Kasse macht ja nur einen Bruchteil an Rückerstattung.
00:06:40: EDGAR WUTSCHER Zum Zweiten reichen Patienten die Rechnung nicht ein, und das hat zur Folge, dass sich die Kasse einen erheblichen Teil an Kosten spart. ARTUR WECHSELBERGER Genug der Analyse und der Diagnose des Systems, Herr Kurienobmann. Was können wir tun? Wie können wir Kolleginnen und Kollegen motivieren, Kassenstellen anzunehmen? Wie können wir aber ganz besonders, wenn man die Zahlen der letzten 25 Jahre anschaut, die Sozialversicherungen motivieren, neue Kassenstellen zu schaffen?
00:07:21: ARTUR WECHSELBERGER Zeit für die Vertragsärztinnen und Vertragsärzte zu schaffen, um eine breite Versorgung anzubieten. EDGAR WUTSCHER Ganz wichtig ist ein Umdenken. Wir müssen bereit sein, das, was vor allem auch von politischer Seite immer gepredigt wird, aus dem stationären Bereich, aus dem ambulanten Bereich heraus in den niedergelassenen Bereich [zu verlagern]. Da müssen wir die finanzielle Basis schaffen, dass das wirklich geschieht. Und es kann ja geschehen, wenn wir Gelder aus dem stationären Bereich umschichten.
00:07:58: EDGAR WUTSCHER Und die Statistiken zeigen ja eindeutig, dass wir im niedergelassenen Bereich hochrelevant und sehr, sehr konsequent arbeiten. Dass wir aber das Ganze wesentlich günstiger machen als im stationären Bereich beziehungsweise im ambulanten Bereich. Und da braucht es grundsätzlich ein Umdenken. ARTUR WECHSELBERGER Und jetzt noch ein Satz zu den Primärversorgungseinheiten, sprich Primärversorgungszentren: Wie sollen die wirklich das Versorgungsproblem lösen, wenn durch diese Zentren zumindest grundsätzlich keine Kassenstellenvermehrung kommen darf?
00:08:43: EDGAR WUTSCHER Genau das ist das Problem. Es gibt natürlich viele Gründe, wo man sagen kann: Ein Primärversorgungszentrum macht Sinn, kann gemacht werden und ist eine Unterstützung, besonders im städtischen Bereich. Nur man darf nicht vergessen: Die Primärversorgungszentren blockieren dann Einzelstellen, und die gehen dann ab. Wir brauchen eine Zusammenarbeit von vernünftigen Primärversorgungseinheiten und es wird sich die Einzelpraxis gerade in unserem regional sehr strukturierten Österreich nie aufhören. Und das muss koordiniert miteinander möglich sein. ARTUR WECHSELBERGER Wenn sich durch Primärversorgungszentren die Zahl der Vertragsärzte nicht erhöhen sollte, dann lösen wir das Problem der Unterversorgung nicht.
00:09:28: ARTUR WECHSELBERGER Schaffen wir da nicht nur bessere Versorgung in den Zentralräumen, in denen die Zentren agieren, und dünnen gleichzeitig den peripheren Bereich aus? EDGAR WUTSCHER Genau das ist das Problem. Die Lösung unserer Unterversorgung ist unmöglich zu machen mit der Installation von Primärversorgungseinheiten, sondern es braucht ein vernünftiges Miteinander, eine Vermehrung von Kassenstellen und meinetwegen dort, wo es auch sinnvoll ist, ein Primärversorgungszentrum zu bilden.
00:10:23: ARTUR WECHSELBERGER Das heißt, wenn diese Erhöhung der Planstellenanzahl nicht kommt, dann sind wir dort, wo wir schon immer waren: bei der Verwaltung von Mangel. EDGAR WUTSCHER Genau das ist zu erwarten, und ich bin felsenfest überzeugt, dass diese ständige Botschaft – mit der Einrichtung von Primärversorgungseinheiten lösen wir das Problem – falsch ist und ein falscher Zugang. Und das versuche ich wirklich auch in die Köpfe der Politiker und mancher Sozialversicherungsvertreter hineinzubringen.
00:11:05: ARTUR WECHSELBERGER Herr Dr. Wutscher, danke vielmals für diese Einblicke, die man in dieser Form nicht so oft in der Öffentlichkeit hören kann. Herzlichen Dank! EDGAR WUTSCHER Sehr gern geschehen und danke für die Aufmerksamkeit.
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